In den Medien

Der konfliktreiche Abschied vom Erdgas

Die Stadt Basel will künftig ohne fossile Energien heizen. Nun gibt es heftige Kritik von Grosskunden und vom Preisüberwacher. Die gleichen Probleme drohen auch in anderen Gemeinden.

Jürg Meier

Erdgas darf in unserem Energiesystem der Zukunft nur noch eine kleine Rolle spielen, wenn die Schweiz 2050 tatsächlich klimaneutral sein will. Doch einfach wird der Ausstieg nicht. Erdgas ist nach Erdöl und Strom der drittwichtigste Energieträger der Schweiz. Zehntausende Industrieunternehmen und Hunderttausende Private nutzen ihn. Wie sollen sie zum Umstieg gebracht werden?

Daran entzündet sich Streit, wie sich an den Industriellen Werken Basel (IWB) zeigt. Der Versorger der Stadt Basel, der auch im Umland aktiv ist, hat angesichts des absehbaren Gasausstiegs ein neues Preismodell beschlossen. Und damit heftige Kritik des Preisüberwachers und von Grosskunden ausgelöst.

Für die Berechnung der neuen Tarife haben die IWB die Abschreibungsdauer der Leitungen und Anlagen reduziert. Anstatt 80 Jahre beträgt sie nur noch 50 Jahre. Was nach einer banalen buchhalterischen Umstellung tönt, hat direkte Konsequenzen für die Bezüger: Sie müssen künftig deutlich mehr für die Nutzung des Gasnetzes bezahlen.

Der Preisüberwacher geht von einer Zunahme von rund 30% aus. Und das stösst ihm sauer auf: «Das Risiko des prognostizierten Nachfragerückgangs wird auf die heutigen Erdgaskunden überwälzt», heisst es in einem umfangreichen Schreiben an den Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt.

Mehrfache Kritik

Die IWB weisen die Kritik zurück. «Die geänderte Abschreibungsdauer entspricht dem Branchenstandard für Gasversorgungsanlagen», erklärt Unternehmenssprecherin Jasmin Gianferrari.

Die neue Abschreibungsdauer ist aber nicht der einzige Punkt, der dem Preisüberwacher missfällt. Er machte dem Regierungsrat gleich fünf Empfehlungen, weil er die Berechnungsmethode für problematisch und kundenunfreundlich hält.

Der Basler Regierungsrat setzte aber nur gerade eine der fünf Empfehlungen um. Geschickterweise genau die, welche zumindest vorerst politischen Druck aus der Diskussion nehmen wird: Weil der Erdgaspreis auf dem internationalen Energiemarkt im vergangenen Jahr deutlich sank, konnten Gasversorger wie die IWB den Brennstoff günstiger einkaufen. Diese Ersparnis geben die IWB nun den Kunden weiter.

Für Kleinkunden, die zum Beispiel Gas zum Heizen nutzen, ist das erfreulich: Ihre Gaspreise sinken sogar leicht, obwohl sie für die Nutzung des Netzes jetzt mehr zahlen müssen.

Ganz anders sieht die Situation aber für Grosskunden aus, wie Energieexperte René Baggenstos erklärt. Er ist Geschäftsführer der IG Erdgas, welche die Interessen von grossen Gaskunden vertritt, sowie Miteigentümer des Beratungsunternehmens Enerprice, das auch im Gasverkauf tätig ist. Viele Industriekunden kamen im Gegensatz zu den Kleinverbrauchern nicht in den Genuss einer Preissenkung. Bei ihnen schlägt die Erhöhung der Netzkosten voll durch – und zwar oftmals happig, wie Baggenstos errechnet hat.

Bei einem Grosskunden war die Preissteigerung so erheblich, dass er seine Industrieanlage nun nicht mehr mit Erdgas beliefern lässt. Sondern mit Heizöl. «Das ist aus Sicht des Klimaschutzes höchst unerfreulich, weil das Unternehmen jetzt deutlich mehr CO2 ausstösst», sagt Baggenstos. Doch mit dem Wechsel von Erdgas auf Öl spare die Firma rund 400 000 Franken im Jahr. Baggenstos steht mit weiteren Unternehmen im Kontakt, die ähnliche Pläne verfolgen.

Den IWB ist der Fall des Unternehmens, das jetzt Erdöl statt Gas verbrennt, bekannt. Sie sprechen von einem «Einzelfall». Eine Umstellung auf Öl werde langfristig nicht wirtschaftlich sein, fügt Sprecherin Jasmin Gianferrari an. Und ohnehin: «Die überwiegende Mehrzahl unserer Kunden fragt nach klimafreundlichen Alternativen und ist sich bewusst, dass dafür Investitionen notwendig sind», ergänzt sie.

Für René Baggenstos ist der Fall dagegen exemplarisch: «Beim Ausstieg aus dem Erdgas besteht die grosse Gefahr, dass am Schluss die Grosskunden die Zeche bezahlen müssen – nicht nur in Basel.» Der Grund: Viele Industrieanlagen sind auf Erdgas angewiesen.

Kleinkunden haben Alternativen

Zwar gibt es Alternativen – Anlagen zum Beispiel, die Holzstaub verbrennen und so die benötigte Hitze produzieren. Doch ihr Betrieb erfordert eine höchst komplexe Logistik und viel Platz. Zudem sind die Anlagen lärmintensiv und oft sehr teuer. «Wird das Erdgas wie in Basel plötzlich massiv teurer, können die Unternehmen darum nicht auf andere Technologien ausweichen», sagt Baggenstos.

Bei Kleinkunden dagegen ist das meist anders: Sie haben Alternativen – von der elektrischen Kochplatte über die mit Strom betriebene Wärmepumpe bis zur Fernwärme. Auf längere Frist gerechnet sind diese Alternativen oft sogar günstiger.

Es ist kein Zufall, dass der Preisüberwacher und die grossen Gaskunden den Entwicklungen bei den IWB so viel Beachtung schenken. Das Unternehmen ist ein Vorreiter beim Thema. «In anderen Kantonen ist der Wille nach einem Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung zwar ebenfalls spürbar», sagt IWB-Sprecherin Gianferrari. «Die gesetzlichen Vorgaben gehen dort aber derzeit noch nicht so weit wie jene in Basel-Stadt.»

Die IWB haben inzwischen beim 1920 gegründeten Verband der Schweizerischen Gasindustrie ihren Austritt gegeben, weil ihnen dieser beim Klimaschutz zu behäbig unterwegs ist. Das sorgte in der Branche, die bisher zusammenhielt wie Pech und Schwefel, für einiges Aufsehen.

Der Kunde zahlt mit

Beim Vorreiter IWB zeigt sich aber auch, wie komplex und teuer der Ausstieg aus dem Erdgas wird – und wie gross die Versuchung ist, wo immer möglich die Kunden dafür mitzahlen zu lassen. «Alle 90 Schweizer Gasversorger stehen vor dem gleichen Problem», sagt Preisüberwacher Stefan Meierhans. «Wir haben Anzeichen dafür, dass auch andere solche Preismodelle entwickeln.» Und er warnt: «Wenn die Gaswerke die bestehenden Kunden melken wollen, um ihr neues Geschäftsmodell zu finanzieren, dann werde ich mich für sie dagegen wehren.»

Alternativen gäbe es. Weil die Schweiz den Erdgasausstieg bis 2050 schaffen will, schlägt der Preisüberwacher einen Kompromiss vor: Die Gaswerke sollen die Abschreibungsdauer nur bei den Anlagen auf 50 Jahre senken, die nach dem Jahr 2000 gebaut wurden. Aus Sicht von René Baggenstos könnten die Erdgasunternehmen für den grösseren Teil der Ausstiegskosten schlicht selber aufkommen. «Die Gasbranche hat in den letzten Jahren enorme Summen verdient», sagt er. «Viele Unternehmen haben hohe Reserven, die sie über die nächsten Jahre auflösen können.»

Die IWB entgegnen, dass die Gewinne aus der Vergangenheit tatsächlich helfen, die Wärmeversorgung für eine Zukunft ohne Öl und Gas umzubauen. «Die steigenden Investitionskosten müssen sich jedoch auch in adäquaten Tarifen und Beiträgen abbilden lassen», sagt Sprecherin Gianferrari. Sonst drohe dem Unternehmen ein «Substanzverlust».

Dazu kommt: Selbst mit steigenden Tarifen wird das Geld nicht reichen. Die Basler Politik berät darum bereits darüber, den IWB unter anderem ein zinsloses und «bedingt rückzahlbares» Darlehen in der Höhe von 110 Mio. Fr. zu gewähren.

Was den Gasversorgern in der Schweiz bevorsteht, lässt sich auch in einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Metropolitankonferenz Zürich nachlesen: Strengere Bauvorschriften und Förderprogramme führen dazu, dass Hauseigentümer auf Fernwärme oder Wärmepumpen umsteigen. Damit gehen diese der Gasversorgung «als Kunden verloren».

Wer am Gasnetz bleibt, trägt die Folgen: Die Netzkosten «bleiben gleich hoch und müssen auf weniger Absatz verteilt werden». Wer als Gasbezüger dann etwas fürs Klima tun will, kann zwar einen Anteil Biogas verbrennen – doch dieses ist teurer.

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Unter dem Namen IG Energiegase besteht als Interessengemeinschaft für Energiegasverbraucher
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Der IG Energiegase gehören Mitglieder mit einem gemeinsamen Energiegasverbrauch
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